Archiv für März 2013

Franziska Jägerstätter verstorben

„Wenn ich nicht zu ihm gehalten hätte, hätte er niemanden gehabt.“


Franziska Jägerstätter hat das Vermächtnis ihres „Franzl“ stets lebendig gehalten.
Sie gingen gemeinsam durch das Dunkel der Zeit. Am Samstag (16.3.13) ist sie wenige Tage nach ihrem 100.sten Geburtstag verstorben.

Meine erste Begegnung mit Franziska Jägerstätter war durch ihren Briefwechsel mit einem holländischen Zwangsarbeiter. Die Idee der Gedenktafelinitiative Franz Jägerstätter in Berlin entstand. Mein Anruf bei ihr um über unsere Idee mit ihr zu sprechen, der erste Kontakt. Ihre Bescheidenheit, Sanftmut und Zurückhaltung war zu spüren. Bei späteren persönlichen Begegnungen berührte mich die stille, tief in sich ruhende religiöse Frau in ihrer wohltuend bescheidenen Art.

Am 26. Oktober 2007 , dem »österreichischen Nationalfeiertag, wurde ihr „Franzl“ im Linzer Dom seliggesprochen. Die »Institution Kirche« würdigte Jägerstätters Kriegsdienstverweigerung in der NS-Zeit als ein »Zeugnis des Glaubens«. Sie erlebte es 94 jährig mit.

Franziska hatte drei Töchter sowie 14 Enkel und und eine grosse Anzahl Urenkel. Sie trug großen Anteil am »Blutzeugnis« ihres Mannes.
„Die geheime stille Heldin mit der Güte und Kraft eines göttlichen Wesens“, so beschrieb sie ein Mitglied der Pfarrei und führte weiter aus: „Die beiden, Franz und Franziska, sehe ich als eine Einheit.«

Franz Jägerstätter war ein Bauer aus dem oberösterreichischen St. Radegund im Innviertel. Dies ist ein kleiner, beschaulicher Ort zwischen Braunau und Salzburg, oberhalb des Grenzflusses zu Deutschland, der Salzach. 1936 heiratete er Franziska Schwaninger. Er stimmte zwei Jahre später als einziger im Dorf gegen den Anschluss Österreichs an das nationalsozialistische Deutschland. Im März 1943 erklärte er sein »Nichteinrücken zum Kriegsdienst«.
Er wurde wie alle Kriegsdienstverweigerer nach Berlin überstellt und am 6. Juli 1943 vor dem Reichskriegsgericht in Berlin-Charlottenburg zum Tode verurteilt. Am 9. August wurde er im Zuchthaus in Brandenburg/Havel mit 16 weiteren Kriegsgegnern auf dem Schafott hingerichtet.

Ohne Franziska Jägerstätter wäre »ihr Franzl« nicht so berühmt geworden. Sie hat sein Lebenszeugnis bewahrt, seine Aufzeichnungen in den Schreibheften aufgehoben und so der Nachwelt erhalten. Sie hat sie dem »Gewissensforscher« Gordon Zahn zugänglich gemacht und Erna Putz die Biografie und Herausgabe der Briefe ermöglicht.
Jedem Interessierten an der Geschichte Franz Jägerstätter – ob Soldat, holländischer Zwangsarbeiter, Journalist, Friedensaktivist oder kirchlicher Würdenträger – war sie in ihrer wohltuend bescheidenen Art ein geduldiger Ansprechpartner.

Franziska Jägerstetter hielt »im Dunkel dieser Zeit« zu ihm. »Wenn ich es nicht getan hätte, dann hätte er niemanden gehabt«, beschreibt sie in ihrer Sanftmütigkeit und Zurückhaltung die Beziehung zu ihrem »Franzl«. Ihre tiefe Überzeugung im Glauben führte ihr die Gedanken. Ihre tiefe religiöse Verbundenheit mit dem Ermordeten war in der Begegnung mit ihr spürbar. Ihre Offenheit allen gegenüber ihre Stärke.

Die Amtskirche setzte ihm ein Zeichen, dass sie seinen Entschluss, dem »Geist der Gewaltfreiheit Jesu« zu folgen, als richtiges Handeln wertet. Indem er sich dem ungerechten Krieg, der »Kultur des Krieges«, verweigerte, erfüllte er das »christliche Friedensgebot«. Er hat sich mit seiner Widerständigkeit gegen den Strom der Zeit gestellt und politische Verantwortung übernommen.

Am Sonntag nach der Seligsprechung feierte die Pfarrei in St. Radegund. Franziska saß im Beiwagen des Motorrads – wie damals mit »Franzl« – während der Prozession zum geschmückten Kirchlein.

Sie wurde gefragt, wie sie die Feierlichkeit zur seiner Seligsprechung verkraftet habe: »Gut!«, sagt sie, »die Leute waren freundlich zu mir.« Dann fügt sie hinzu: »Das war nicht immer so. Oft war das Gegenteil der Fall.« Ein Lächeln durchzieht ihr Gesicht. Es strahlt Lebensfreude aus – trotz aller Schicksalsprüfungen.

Franziska Jägerstätter ist nicht mehr unter uns. Ihr Odem erloschen. Wir müssen Abschied nehmen von ihrem irdischen Sein. Ihre Güte und Wahrhaftigkeit, ihre gelebte Religiösität gab ihr Hoffnung im Glauben, war ihr Lebenselixier. Jetzt ist sie auf ihrem Weg zu Franz Jägerstätter.

Lothar Eberhardt, Mitbegründer der Gedenktafelinitiative Franz Jägerstätter am ehem. Reichskriegsgericht in Berlin

[Durch das Engagement der Initiative erinnert seit 1997 eine Gedenktafel am ehemaligen Reichskriegsgericht in Berlin an Franz Jägerstätter und seine Leidensgenossen. Bei der provisorischen Anbringung im Juli 1995 war Franziska Jägerstätter mit der Biografin Dr. Erna Putz anwesend.
Die Gedenktafelinitiative Franz Jägerstätter wird aus Anlass des 70. Jahrestages der Verurteilung am 6. Juli 1943 vor dem Reichskriegsgericht in Berlin-Charlottenburg gedenken und plant zum 9. August 2013 in der Gedenkstätte Zuchthaus Brandenburg dem Hinrichtungsort, wo er einer von 16 auf dem Schafott hingerichteten Kriegsdienstverweigerern an diesem Tag war, eine Gedenkveranstaltung.
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